Hamburg will’s wissen


I Don't - Iron Photographer 199 - Utata
© Amarand Agasi (CC BY-NC-SA 2.0)

Warum verschüttet man beim Gehen weniger, wenn man nicht auf sein Glas achtet?

Christin (16 Jahre)

Antwort

Es kommt oft vor, dass man etwas genau dann besser kann, wenn man nicht bewusst darauf achtet. Auf den ersten Blick erscheint das kontraintuitiv, denn je mehr man sich auf etwas konzentriert, desto besser sollte man es eigentlich können. Handlungsabläufe, die gut eingeübt sind, werden jedoch nicht mehr Stück für Stück in jeder Einzelheit im Gehirn angesteuert, sondern werden als kompletter Handlungsablauf abgespeichert und dann einfach abgespult - was dem Bewusstsein gar nicht mehr zugänglich sein muss. Ein Beispiel dafür ist das Gangschalten beim Autofahren: ein geübter Fahrer muss nicht mehr bewusst den Ablauf von Kupplung-Gangschaltung-Kupplung bedienen, sondern macht das ganz automatisch. Es kann jedoch zu Problemen kommen, wenn man stark geübte Handlungen bewusster Kontrolle unterzieht. Im Flugzeug wird einem wieder und wieder erklärt wie man den Sicherheitsgurt öffnet, der zu diesem Zweck keinen Knopf, sondern eine Lasche besitzt. Das liegt daran, dass man in einer Gefahrensituation eher das eingeübte Programm anwirft um den Gurt zu öffnen und dabei vergeblich nach einem Knopf sucht. Wenn Sie also Ihr Glas weniger verschütten, wenn Sie nicht darauf achten, dann mag das daran liegen, dass Sie durch zu viel bewusste Kontrolle Ihr automatisches Programm stören. Das Glas beim Tragen anzusehen sollte schon dabei helfen, weniger zu verschütten. Aber wenn Sie etwas schon sehr gut können, dann konzentrieren Sie sich einfach nicht zu sehr darauf, es richtig zu machen - sie schaffen es auch so.

Dr. Martin Hebart, Institut für Systemische Neurowissenschaften
Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf - Medizinische Fakultät

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