Hamburg will’s wissen


The Spirit of the Music (CC BY-NC-SA 2.0)
© Foto_Michel

Warum bringt Musik einige Erinnerungen bei Menschen mit Demenz zurück?

Julia (20 Jahre)

Antwort

Musik kann bei Menschen mit Demenz als eine Art Gedächtnisstütze dienen, da mit Musik Gefühle, Stimmungen, Gedanken und Welten assoziiert werden, die zwar vergessen zu sein scheinen, aber durch die Musik ans Tageslicht gebracht werden können. Allerdings muss die Musik für den jeweiligen Patienten eine Bedeutung haben (vgl. Brotons 2003: 39). Durch das Hören der Musik oder auch durch Tanz wird das so genannte "Leibgedächtnis" (Fuchs 2010) aktiviert, welches uns in besonderer Weise mit unserer biografischen Vergangenheit verbindet. Das Leibgedächtnis "reinszeniert" (Fuchs 2010: 238) die Vergangenheit, indem es uns die Vergangenheit weniger durch Worte, sondern durch Empfindungen des Leibes vermittelt (vgl. Fuchs 2010: 237 ff.).

Literatur:

Brotons, M. (2003): Literaturüberblick zum Thema Musiktherapie bei Menschen mit dementiellen Erkrankungen. In: Aldridge, D. (Hrsg.): Music Therapy World. Musiktherapie in der Behandlung von Demenz. Norderstedt: Books on Demand, 31-55.

Fuchs, T. (2010): Das Leibgedächtnis in der Demenz. In: Kruse, A. (Hrsg.): Lebensqualität bei Demenz. Zum gesellschaftlichen und individuellen Umgang. Heidelberg: Akademische Verlagsgesellschaft, 231-242.

Frau Anke Erdmann, HFH · Hamburger Fern-Hochschule; Fachbereich Gesundheit und Pflege

Antwort

Menschen, die an einer Demenz erkranken, leiden vor allem unter dem Verlust von Gedächtnisfunktionen. Die Fähigkeiten, sich etwas zu merken, etwas richtig zu benennen, etwas zuzuordnen und darüber nachzudenken – die so genannten kognitiven Funktionen – dienen u.a. der Orientierung und der Verständigung mit sich und anderen Menschen.
Nun kann es vorkommen, dass jemand einen Verwandten nicht mehr erkennen kann oder seinen eigenen Namen vergessen hat, aber ein Volkslied wie „Der Mond ist aufgegangen“ mit allen Strophen auswendig mitsingen kann. Hirnforscher haben herausgefunden, dass musikalische Erinnerungen im Gehirn an anderen Orten gespeichert werden als sprachliche Informationen. Wenn mit der Musik Worte verbunden sind, wie bei Liedern, werden diese quasi „musikalisch abgelegt“, in Arealen, die weniger von der Krankheit betroffen sind.
Es kommt noch eine psychologische Überlegung hinzu: Sowohl Sprache wie Musik lernt man in ganz konkreten (Beziehungs-)Situationen kennen. So ist das Abendlied vielleicht als Kind immer wieder von den Eltern gesungen worden. Mit dem Lied sind nun auch Erinnerungsspuren an diese Situationen fest verknüpft. Sie sind als Situations- und Körper-Erinnerungen neuronal gespeichert und können nicht unbedingt erzählt werden. Man spricht vom „impliziten Gedächtnis“. Manchmal werden aber durch eine solche „Vergegenwärtigung“ früherer Situationen beim Singen eines Liedes oder beim Hören eines biographisch bedeutsamen Musikstückes auch Worte oder Namen ins Bewusstsein gezogen und können explizit ausgesprochen werden. So sind auch bei schwereren dementen Zuständen mitunter helle Momente möglich, nicht selten durch musikalische Aktivitäten in einer Musiktherapie, die die Umgebung in Erstaunen versetzen und die Kranken beglücken können.

Der Demenzforscher Johannes Pantel schreibt dazu:
„Das Wissen um die klinischen und neuropathologischen Besonderheiten der Demenzerkrankungen macht deutlich, dass die überwiegende Zahl der demenzkranken Menschen noch weit bis in das fortgeschrittene Krankheitsstadium über musiktherapeutische Interventionen erreichbar ist. Während zum Beispiel bei der Alzheimer Demenz allo- und neokortikale Hirnareale (zuständig für Merkfähigkeit und Gedächtnisbildung sowie für Sprache und semantisches Gedächtnis) relativ früh im Krankheitsprozess pathologisch verändert sind, bleiben wichtige Anteile der für die Musikverarbeitung und für die Koppelung von Musik und Bewegung relevanten Hirnstrukturen zunächst ausgespart (vgl. Koelsch/Schroeger 2008).
Ebenso ist die nonverbale Kommunikationsfähigkeit häufig noch lange während des Krankheitsverlaufs relativ gut erhalten, selbst wenn die verbalen Verständnis- und Ausdrucksmöglichkeiten schon deutlich beeinträchtigt sind (Haberstroh/Pantel 2011). Die emotionale und vegetative Ansprechbarkeit durch adäquate Kommunikationsangebote ist damit selbst in weit fortgeschrittenen Krankheitsstadien noch gegeben. Dies eröffnet gerade für die Musiktherapie Zugangswege, die vorwiegend sprachlich gestützten Interventionen häufig verschlossen bleiben“ (Johannes Pantel in Auch-Johannes/Weymann (2015): Klangbrücken, S.36f).

Prof. Dr. Eckhard Weymann, Diplom-Musiktherapeut, Institut für Musiktherapie, Hochschule für Musik und Theater, Hamburg.

Antwort

Erinnerungen an wichtige Momente im Leben sind häufig eng an Gefühle geknüpft, denn starke Emotionen vertiefen und festigen unsere Erinnerungen. Fast jeder Mensch erinnert sich an seinen Hochzeitstag oder weiß, wo sie/er am 11. September 2001 war. Umgekehrt können über Emotionen auch Erinnerungen wieder präsent gemacht werden. Da Musik unmittelbar das Gefühl anspricht, können auch bei Menschen mit Demenz über die durch Musik ausgelösten Emotionen Erinnerungen aus vergangenen Zeiten wieder zugänglich gemacht werden. Hierzu eignet sich Musik, zu der die Betroffenen eine besondere biographische Verbindung haben. Ein anderer Effekt ist, dass Musik entspannen und Ängste abbauen kann und damit die Erinnerungsfähigkeit auch bei Menschen mit Demenz fördert. Neurobiologisch mit verantwortlich für dieses „emotionale Gedächtnis“ ist im Gehirn der Mandelkern (Amygdala), der bei Emotionen aktiviert wird und zahlreiche Verschaltungen, auch zu Hirnbereichen, in denen Gedächtnisinhalte gespeichert sind, besitzt und diese beeinflussen kann.

PD Dr. Sönke Arlt,
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf

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