Hamburg will’s wissen


Global Challenge: Economic Growth and Social Inclusion
© World Economic Forum (CC BY-NC-SA 2.0)

Ist ein Nullwachstum wirtschaftlich nicht sinnvoll, oder? (Aussage von Rüdiger Proske etwa im Jahre 1978!)

Reinhard (77 Jahre)

Antwort

Die Frage zielt wohl darauf ab, ob ein Nullwachstum gesellschaftlich sinnvoll ist. Die beste Antwort darauf lautet im Moment: eher nein.
Wirtschaftswachstum ist kein Selbstzweck, sondern soll das Erreichen anderer gesellschaftlicher Ziele ermöglichen. Beispielhaft kann man die Beschäftigungssicherung nennen, aber auch die Finanzierung einer guten medizinischen Versorgung, eines leistungsfähigen Schul- und Hochschulsystems, sozialer Aufgaben, kultureller Angebote usw.
Statistisch gibt es im Ländervergleich und auch im Zeitablauf einen positiven Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsleistung und anderen wichtigen Größen, wie z.B. der Lebenserwartung oder der Bildung.
Allerdings gibt es Stimmen, die für reiche Länder eine Art Sättigung ausmachen, wenn es um den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Zufriedenheit geht. Vorreiter dieser Hypothese ist Richard Easterlin, der in 1974 ein Paradox ausmachte: im Durchschnitt sind die Bürger in reichen Ländern glücklicher sind als in armen Ländern. Betrachtet man aber nur ein Land im Zeitablauf, so führt Wirtschaftswachstum in diesem Land nicht zu einer Zunahme der Zufriedenheit, sobald gewisse Grundbedürfnisse befriedigt sind.
Allerdings haben diese und ähnliche Untersuchungen ein grundlegendes Problem, welches die Aussagekraft der Ergebnisse einschränkt: während die Wirtschaftsleistung kontinuierlich wachsen kann, wird das Glück der Menschen meist in Befragungen auf einer nach oben begrenzten Skala erfasst („Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von 1 bis 10?“). Somit muss es hier irgendwann zu einer Sättigung kommen.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie wir Wirtschaftswachstum messen. Meist geschieht dieses über das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Hierbei werden aber wichtige Faktoren für den Wohlstand, z.B. eine lebenswerte Umwelt oder sozialer Frieden, nicht erfasst. Deshalb kann Wirtschaftswachstum immer nur eines von mehreren Zielen der Wirtschaftspolitik sein.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die in ihrem Abschlussbericht 2013 empfiehlt, die Wirtschaftspolitik an insgesamt 10 Indikatoren auszurichten. Neben dem Feld des materiellen Wohlstands umfassen diese auch Indikatoren aus den Bereichen Soziales/Teilhabe und Ökologie.

Prof. Dr. Oliver Wojahn,
EBC Hochschule