Hamburg will’s wissen


Working families oppose "Corporate Profits over People" Senate/Assembly Bill 1
© Wisconsin AFL-CIO (CC BY-NC-SA 2.0)

Wie kann es sein, dass das Profitstreben zum wichtigsten Leitgedanken in (nahezu) allen Bereichen unserer Gesellschaft geworden ist? Wie ließe sich im Sinne einer nachhaltigen Entw. ggf. gegensteuern?

Konstantin (35 Jahre)

Antwort

Unsere Wirtschaftswissenschaften basierten lange Zeit primär auf dem Grundgedanken des „Homo Oeconomicus“, also der Vorstellung, dass der Mensch als rationaler Nutzenmaximierer agiert. Über die Domäne der Wirtschaft hinaus hat dieses Modell eines egoistischen Menschen nachhaltig Einfluss auf die Gestaltung unserer Gesellschaft, indem es – so diskutieren es Forscher und Journalisten – normative Kraft ausüben kann (lesen Sie dazu z. B. Frank Schirrmachers Buch „Ego“). Hierzu gibt es spannende Studien, die z. B. zeigen, dass Studierende, die sich sehr stark mit diesem Modell auseinandersetzen, im Laufe des Studiums in ihren Entscheidungen egoistischer werden. Gerade die digitale Welt mit ihren Möglichkeiten der „Vermessung“ des Individuellen, sei es in Facebook-Likes oder in Kaufhandlungen, bietet diesem Modell zusätzlichen Boden.

Die Ökonomie selbst hat jedoch bereits seit Längerem das Grundmodell durch Forschungen der Psychologie und Verhaltensökonomie ergänzt und deutlich erweitert, z. B. um Fairnesswahrnehmungen. Gegenbewegungen, die auf die Macht der Empathie, auf Bürgertugenden oder Tauschbörsen und alternative Produktion setzen, sind zahlreich. Spannend ist sicherlich auch der Denkansatz des britischen Ökonomen Richard Layard, der auf Grundlage zahlreicher empirischer Studien eine neue gesellschaftliche Perspektive skizziert, die im Kern auf das Wohlbefinden und Glück der Gesellschaft abzielt. Je häufiger und stärker diese Themen in der Forschung und in den Medien thematisiert werden, desto eher kann dadurch eine entsprechende alternative Denkrichtung erzeugt und unterstützt werden. Letztlich ist aber auch jeder Einzelne gefragt, sich in seinen digitalen und realen Handlungen zu hinterfragen – denn nicht zuletzt wir selbst tragen z. B. mit unseren Konsumentscheidungen und auch unserem Arbeitsverhalten zum kritisierten Trend der Ökonomisierung des Alltags bei.

Prof. Dr. Claudia Gerhardt
Studiendekanin Wirtschaftspsychologie (B.Sc.) &
Angewandte Psychologie (B.Sc.) der
Hochschule Fresenius Hamburg

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